Vortrag

Lerngestaltung in der Digitalität weiterdenken

Warum die Frage „Wozu noch lernen?“ die beste Frage ist, die uns die KI stellen konnte.

September 2026→ oder Leertaste für die nächste Folie

Ausgangspunkt

Wir diskutieren nicht mehr, ob KI in den Lernraum kommt. Sie ist längst da.

Die Provokation

Wozu noch lernen?

Wenn eine Maschine jede Aufgabe löst, jeden Text schreibt, jede Frage beantwortet.

Zwei reflexhafte Antworten – beide unzureichend

„Verbieten.“

Schützt das bestehende System, nicht die Lernenden. Führt zu Kontrollaufwand, Misstrauen und heimlicher Nutzung.

„Alles wird einfacher.“

Verwechselt Zugang zu Antworten mit Verstehen. Wer nichts weiß, kann Ergebnisse weder prüfen noch weiterdenken.

Die Frage „Wozu noch lernen?“ ist keine Bedrohung, sondern eine Einladung: Sie zwingt uns, das Wozu von Lernen endlich explizit zu machen.

Nüchtern betrachtet

Was KI gut kann

  • Wissen abrufen und verdichten
  • Texte erzeugen, umformulieren, übersetzen
  • Standardaufgaben lösen und erklären
  • Unendlich geduldig antworten

Was Lernende selbst können müssen

  • Gute Fragen stellen
  • Ergebnisse beurteilen und einordnen
  • Verantwortung für eine Entscheidung übernehmen
  • Mit anderen Menschen etwas aushandeln

Kernthese

Lernen wird nicht überflüssig. Es verschiebt sich – vom Beschaffen und Reproduzieren hin zum Prüfen, Verbinden und Verantworten. Und das ist genau die Verschiebung, die Bildung immer versprochen und selten eingelöst hat.

Deshalb

Nicht das Werkzeug ist die Aufgabe. Die Lernkultur ist es.

Lernkultur meint: Was gilt bei uns als Lernen? Was wird sichtbar, was wird belohnt, wie gehen wir mit Fehlern um, wer trägt die Verantwortung? Solange sich diese Antworten nicht ändern, ändert KI nur die Geschwindigkeit, mit der das Alte scheitert.

Sechs Verschiebungen in der Lernkultur

Wissen abfragen→Wissen anwenden und bewerten
Produkt bewerten→Prozess sichtbar machen
Aufgaben lösen→Probleme stellen
Fehler vermeiden→Fehler als Material nutzen
Allein arbeiten→Mit Menschen und Maschinen kooperieren
Lehrende als Quelle→Lehrende als Gestaltende von Lernräumen

Chancen

Was möglich wird

Risiken

Was schiefgehen kann

Das eigentliche Spannungsfeld

Entlastung oder Entkopplung?

Produktive Entlastung

Die KI übernimmt, was ich schon kann oder nicht können muss. Freiräume für das, woran ich wachse.

Schädliche Entkopplung

Die KI übernimmt, was ich gerade lernen sollte. Das Ergebnis stimmt, das Verstehen bleibt aus.

Die Grenze zwischen beidem verläuft nicht durch das Werkzeug, sondern durch das Lernziel. Und das muss ausgesprochen werden.

Der Hebel, an dem alles hängt

Wer die Prüfung nicht ändert, ändert nichts.

Prüfungen definieren, was als Lernen zählt. Solange die Hausarbeit ohne Prozessnachweis das Endprodukt bleibt, bleibt die KI eine Abkürzung – und Lehrende werden zu Detektiven. Die Alternative: Formate, in denen KI-Nutzung sichtbar, erlaubt und selbst Gegenstand der Bewertung ist.

Ein Leitprinzip für die Praxis

Aufgaben so stellen, dass die KI der Anfang der Arbeit ist – nicht ihr Ende. Alles, was folgt, sind Varianten dieses einen Gedankens.

Idee 1 von 6

Die KI als Gegner, nicht als Ghostwriter

Lernende schreiben zuerst selbst eine Position. Danach lassen sie die KI die stärksten Gegenargumente formulieren – und müssen darauf antworten.

Bewertet wird nicht der erste Text, sondern die Qualität der Verteidigung.

Was dabei gelernt wird

Argumentieren unter Druck, eigene Schwächen erkennen, Standpunkte halten oder begründet aufgeben.

Idee 2 von 6

Den Prozess abgeben, nicht das Produkt

Zur Arbeit gehört ein kurzes Lernprotokoll: Welche Prompts habe ich genutzt? Was habe ich übernommen, was verworfen, warum? Wo lag die KI falsch?

Das Protokoll ist Teil der Bewertung – und oft aufschlussreicher als der Text.

Was dabei gelernt wird

Metakognition, Quellenkritik, Entscheidungen begründen. Und: KI-Nutzung wird normal und transparent.

Idee 3 von 6

Fehlersuche statt Aufgabenlösung

Die Lehrkraft lässt die KI eine Lösung, einen Aufsatz oder eine Erklärung erzeugen – bewusst mit Schwächen. Die Lernenden müssen die Fehler finden, belegen und korrigieren.

Funktioniert in Mathematik ebenso wie in Geschichte oder im Sprachunterricht.

Was dabei gelernt wird

Genaues Lesen, fachliche Sicherheit, gesundes Misstrauen gegenüber flüssigen Antworten.

Idee 4 von 6

Rückwärts prompten

Die Lernenden bekommen einen fertigen, guten Text und müssen die Anweisung rekonstruieren, die ihn erzeugen würde – dann testen, vergleichen, nachschärfen.

Wer präzise beschreiben kann, was ein guter Text ausmacht, hat ihn verstanden.

Was dabei gelernt wird

Textsortenwissen, Kriterien explizit machen, präzise Sprache – Kompetenzen, die weit über KI hinaus tragen.

Idee 5 von 6

KI-freie Zonen – bewusst und begründet

Nicht alles soll ausgelagert werden. Lesen, Kopfrechnen, erste Entwürfe, Gespräche: Es gibt Phasen, in denen das Ringen selbst das Lernen ist.

Entscheidend: Die Begründung wird mit den Lernenden geteilt, nicht verordnet.

Was dabei gelernt wird

Selbstwirksamkeit, Ausdauer – und die Fähigkeit, selbst zu entscheiden, wann ein Werkzeug hilft und wann es schadet.

Idee 6 von 6

Lernende schreiben die Regeln mit

Klasse, Kurs oder Seminar entwickeln gemeinsam eine KI-Vereinbarung: Wofür nutzen wir sie, wofür nicht, wie kennzeichnen wir es, was passiert bei Verstößen?

Die Vereinbarung wird halbjährlich überprüft – weil sich die Werkzeuge ändern.

Was dabei gelernt wird

Verantwortung, Aushandlung, Regelverständnis. Und Regeln, die getragen werden, weil sie selbst gemacht sind.

Was das für Lehrende bedeutet

Weniger Quelle, mehr Gestaltung

Drei Gedanken zum Mitnehmen

Danke.

Welche der Ideen würden Sie morgen ausprobieren – und was hindert Sie daran?

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